Die Trockenmauern

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DAS TROCKENMAUERWERK DER MONTS DE VAUCLUSE

Wenn man in den Monts de Vaucluse wandert, sieht man Eichen, Kiefern und die verwucherte Garigue, die sich selbst überlassen scheint und deren Anblick in starkem Kontrast zu den ordentlich aufgeteilten und gepflegten Feldern der Ebene steht. Aber hinter diesem «wilden Vorhang » von Vegetation liegen Hänge, die von den Bauern über Jahrhunderte hinweg in Terrassen angelegt worden waren - vor allem im 12. und im 19. Jahrhundert. Um diese flachen Felder zu schaffen, mußten sie die Hänge aufgraben und Mauern errichten, die die karge Erde festhalten sollten, die mit jedem Gewitter wieder weggeschwemmt zu werden drohte. Sie haben das Wasser bemeistert, das so viele Katastrophen auslöste und doch auch Grundlage solchen Reichtums war: der Bau von Drainage-Galerien, Irrigationskanälen und Zisternen, der das Abflusswasser, das die Hänge aushöhlte und zerstörte, kanalisieren sollte, ermöglichte es ihnen gleichzeitig, kostbares und seltenes Wasser für ihre Kulturen zu gewinnen.

Sie haben dem Boden jeden Stein einzeln abgekämpft und damit « bories » - kleine Steinunterschlüpfe -, Bienenstöcke, gepflasterte Straßen, Dreschplätze gebaut .. So haben die Landwirte auf den Hügeln Terrasse für Terrasse den Reichtum des Landes geschaffen: Weinreben, Getreide, Erbsen, Wurzelknollen .. ein Mikrokosmos der Mischkultur, deren Zentrum der Olivenbaum war und noch ist.

In der Provence - vom Ventoux zu den Monts de Vaucluse über den Luberon - ist ein beachtliches Kulturerbe von Trockensteinbauten konzentriert: Terrassenfelder, Steinhütten (die « bories »), Wasserzisternen, Schafhütten, Höhlenwohnungen ... Dieses Erbe ist fester Bestandteil der provenzalischen Landschaft. Der Ausdruck « Trockensteingemäuer » bezeichnet eine Technik, bei der rohe Steine ohne Verwendung irgendwelchen  Bindematerials aufeinandergeschichtet und sorgfältig miteinander verkeilt werden.

Die Steinbauten dienten den Hirten und Bauern als Unterschlupf und Schutz. Der Naturpark des Luberon zählt 1610 « bories », über elf Gemeinden verteilt. In Gordes bilden sie ein ganzes Dorf von bories, das besichtigt werden kann. Es gibt dort etwa dreißig Hütten, die ein schönes Zeugnis darüber ablegen, wie das Leben der tiefsten Provence jahrhundertelang aussah - das Leben von Giono, das der Landbevölkerung und Schafhirten.

 

 

DIE PESTMAUER - GESCHICHTE EINES ABENTEUERS

Über das Vaucluse-Hochplateau schlängelt sich eine ungewöhnliche Mauer, manchmal robust und solide und hoch, manchmal nur ein kleiner Steinwall. Sie ist der Zeuge der Großen Pest von Marseille im Jahr 1720. In diesem Jahr brachte ein Schiff aus dem Osten, die Grand Saint Antoine, die Pest nach Marseille. Die Epidemie breitete sich schnell in der Provence aus und erreichte bald Apt. Um sie am Eindringen in das Comtat zu hindern, ließ der Vizelegat des Papstes « Gesundheitsbarrieren » an seinen Grenzen errichten und von Monieux bis nach Taillades eine 25 Kilometer lange Trockenmauer aufziehen (in der Ebene von Coulon wurde aus der Mauer ein tiefer Graben). Als Anfang 1723 alle Ansteckungsgefahr gebannt war, wurde die Mauer aufgegeben. Die Epidemie kostete das Comtat mehr als 20 % seiner Bevölkerung.  

Heute ist die Mauer teilweise wiederaufgebaut und ein ausgeschilderter Wanderpfad führt an ihr entlang. Die Wanderung, von Lagnes oder von Cabrières d'Avignon ausgehend, kann über einen Tag oder auch in mehreren Abschnitten von 5 bis 9 Kilometern absolviert werden.

Die Vereinigung  « Pierre Sèche en Vaucluse »,

die sich um dieses typische Kulturerbe bemüht, wurde 1983 gegründet, um das Interesse an diesen Zeugen der traditionnellen Landwirtschafts- und Hirtenkultur aufrechtzuerhalten und wiederzubeleben, da deren fortschreitendes Verschwinden, das auf die Aufgabe der Ländereien zurückzuführen ist, sich in den letzten Jahrzehnten durch mutwillige Zerstörung aller Art immer mehr beschleunigt.